Category Archives: Internet

Deutsche Plagiatskultur und das Versagen der Wissenschaftsinstitutionen

So traurig es auch ist, aber auch die letzten Plagiatspromotionen von (CDU & FDP-)Politikern werden nicht die letzten gewesen sein. Jede seriöse Aufarbeitung von Promotionen durch Externe erfordert eine gute Portion Zeit, wenn sie ernst gemeint ist. Immerhin steht seit einigen Wochen mit VroniPlag eine brauchbare Plattform zur Verfügung, die diesen Prozess beschleunigt und die Ergebnisse transparent darstellt.

Für ein Land, das sich global als Wissenschaftsstandort definiert und vermarktet, sind die Enthüllungen der letzten Monate aber nicht nur peinlich. Sie sind für seine Zukunftsfähigkeit auch gefährlich, wenn nicht endlich auch auf Seiten der Universitäten und in der überliegenden Wissenschaftspolitik Konsequenzen gezogen werden. Natürlich sind in erster Linie die entsprechenden Plagiateure die Kriminellen und Schuldigen. Betrug wird sich nie komplett verhindern lassen. Aber eine “Wissenschafts-“Kultur, die siolch einen Massenbetrug wie in Deutschland zugelassen hat, macht sich zumindest mitschuldig. Die einfallslosen Kommentare der verantwortlichen Doktorväter von Guttenberg & Co kommen mir mittlerweile fast schon wie Hohn gegenüber ehrlich arbeitenden WissenschaftlerInnen vor. Dass deutsche Professoren (zumindest in den Sozialwissenschaften, in denen ich mich bewege) sich weiterhin für das Maß aller Dinge halten – und wie kaum anderswo in der Welt mit Previlegien versehen sind – ist mit einem Blick von außen umso unverständlicher.

Ein ganzes Wissenschaftssystem scheint bei den deutschen Promotionen zu versagen. Ein Blick über den deutschen Tellerrand hinaus mag verdeutlichen warum – und was das deutsche System von der Mehrheit wissenschaftsführender Staaten unterscheidet.

1. Außer bei unseren deutschsprachigen Nachbarn gibt es kaum Länder in der Welt, wo der Dr.-Titel formeller Teil des Namens wird. Was für ein statusfokussierter Quatsch. Genau das Continue reading

Chasing Brussels podcast

Together with fellow EU bloggers Julien Frisch, Joe Litobarski and Conor Slowey, we have started the EU politics podcast “Chasing Brussels”. We aim to release a podcast every (other) week. The format is that 2-4 of us are debating a current EU topic of our interest for 15-30 minutes.

Please find our first two recordings on Joe’s website. Our first debate was on the outcome of the German election and its implications for the EU. The second debate was recorded on monday night (me moderating) and focuses on the Irish referendum. – Many thanks to Joe for editing the recordings and putting them online!

In the future you can find all the podcasts on our Chasing Brussels website and you can follow us on Twitter. In the coming weeks we shall also try to register through iTunes.

Any feedback is very much appreciated!

Warum Sonntag GRÜN wählen?

Reinhard Bütikofers “Offener Brief” zur Europawahl – einfach zu gut und überzeugend, um ihn hier nicht zu veröffentlichen!

Liebe Europafreunde,
Liebe Europaskeptiker,
Liebe Jung- und Erstwähler,
Liebe SPD-Wähler,
Grüß Euch, internationalistische Linke,
Liebe CSU-satte Bayern,
Meine lieben Freundinnen und Freunde der Umwelt- und Bürgerrechtsorganisationen in ganz Europa,
Sehr geehrte Angela Merkel,
Verehrter José Manuel Barroso,
Liebe NichtwählerInnen,
Schließlich, liebe Freundinnen und Freunde,
PS: Lieber Michael Moore

Liebe Europäerin, lieber Europäer,

ein paar Tage nur sind es noch bis zur Europawahl am 7. Juni. Fast 70 Tage werde ich dann im Wahlkampf unterwegs gewesen sein, von Flensburg bis Freiburg, von Aachen bis Rügen, von Trier bis Rosenheim. Viele Menschen habe ich persönlich getroffen, erheblich mehr haben von meinem Wahlkampf lesen und hören können. Aber ich bin auch sicher: es gibt noch sehr viele, die erreichbar sind und die wir bisher nicht erreicht haben.

Ich bin überzeugt, dass die Krisen, die wir erleben, jetzt ein engagiertes Umsteuern erfordern. Deswegen wende ich mich auch an diejenigen, die nicht unbedingt immer Grün wählen. Deswegen will ich mit diesem Brief meine zwei wichtigsten Botschaften für die Europawahl auf einem neuen Weg verbreiten:

Geht zur Wahl, um Continue reading

Watch your MEP… but how?

VoteWatch.euI am currently participating in the European Open Data Summit in Brussels. You can follow us via twitter #eods09 and I am also publishing further observations on FollowTheMoney.eu.

The event was kicked-off yesterday with a presentation of EU Vote Watch. – VoteWatch.eu is going to be launched next week. Its aim is to present the voting record and behaviour of Members of the European Parliament (EP). To publish voting records, the website draws on Roll-Call Vote (RCV) data from the European Parliament. The registration of RCVs can be requested by groups in the European Parliament on more or less any vote (and amendment) they like. A few hours after any vote, the record can be seen on the EP’s website. The sponsors of the VoteWatch.eu project aim to have the data inside their own website just a few hours after Parliament publishes them. Prior to this new website, there had been a very similar project by the Romanian Institute of Public Policy (IPP). Now, Doru Frontescu, the main protagonist of this previous project has joined VoteWatch.eu but unfortunately their old website www.ippro-mep.eu is not publicly available anymore. Another angle at things is the German project Abgeordnetenwatch, where you can publish questions to national MPs but also MEPs and some kind of peer pressure is bringing most MPs to answer these publicly.

The challenge: translating information into action

After the presentation Continue reading

Politiker-Campaigning auf Facebook

Facebook logoDie sogenannten “social networks” im Internet erfreuen sich immer größerer Beliebtheit. Facebook und studiVZ/meinVZ (im deutschsprachigen Raum) sind dabei die Marktführer. Dass diese Netzwerke mit zunehmender Nutzung damit auch für die Politik und das Campaigning in den Mittelpunkt geraten, steht außer Frage.

Wenn man sich nun aber die Plattformen von facebook und meinVZ/studiVZ anschaut, fällt sehr schnell auf, dass die Nutzbarkeit der studiVZ Plattform sehr eingeschränkt ist im Vergleich zu facebook. Letzere glänzt v.a. damit, dass ihre Plattform so offen ist, dass jeder Anwender eigene Applications zur Integration in facebook programmieren und anbieten kann. Darunter fallen v.a. solche Tools, die für politische Kampagnen und das Spendensammeln notwendig sind. Causes oder Supporterships können in facebook einfach durch jeden Nutzer gestartet werden. – So wie die vielleicht derzeit größte deutsche politische 2.0-Kampagne im Internet “Yes we Cem“, die ich vor einigen Wochen zur Unterstützung von Cem Özdemirs Kandidatur als Parteivorsitzender gestartet habe.

Während diese Kampagne als “Cause” läuft, sind ansonsten die “Pages” das interessantere Kampagnentool Continue reading

Spiegel pessimistisch über deutsche Bloggerszene

Spiegel Online sieht die deutsche Bloggerszene mit wenig politischem Einfluss. Gerade im Vergleich zu den USA haben Blogs in Deutschland bisher noch keine Meinungsführerschaft übernommen und spielen kaum eine Rolle in der Meinungsbildung. Außer Bildblog seien kaum Blogs bekannt. Die Autoren Markus Brauck, Frank Hornig und Isabell Hülsen sehen auch keine wesentlichen Enthüllungsqualitäten deutscher Blogs:

Schätzungsweise 500.000 deutschsprachige Blogs gibt es. Die meisten sind sanft entschlafene Karteileichen. Rund 200.000 sind aktiv. Das klingt nach viel. Doch global gesehen sind die Deutschen Blog-Muffel.

Nur etwa jeder fünfte Deutsche liest sie überhaupt jemals. In den USA und Japan ist es jeder Dritte. In Südkorea und den Niederlanden tun es 40 Prozent der Bevölkerung. Doch ganz genaue Zahlen gibt es aus den wenigsten Ländern.

Politische Blogs sind in Deutschland so gut wie nicht vorhanden. Als sich der US-Journalist Sean Sinico während des Bundestagswahlkampfes 2005 in der deutschen Blogosphäre umtat, war sein Urteil vernichtend. Was er sah, waren für ihn “baby steps”. An dem Befund hat sich nicht viel geändert – glaubt man in der Szene selbst.

Gerade im Vergleich zu Frankreich, den USA oder Großbritannien würde ich der Einschätzung der Autoren Recht geben. Blogs spielen (noch) keine zentrale Rolle in der Meinungsbildung Deutschlands. Meiner Meinung nach liegt das v.a. daran, dass wir eine vielzahl von ausgezeichneten Tages- und Wochenzeitungen haben (vllt sollte man auch ARD und ZDF dazu zählen), die sowohl eine hochwertige und politisch breite Debatte wie auch oft die notwendigen Enthüllungsgeschichten selber übernehmen. Diese Medienvielfalt bei hoher Qualität sehe ich in allen drei genannten Ländern nicht.

Andererseits gibt es aber gerade auch in Deutschland noch ein Vakuum an breiter und kritischer Berichterstattung über die EU und insbesondere deutsche EU-Politik. Hier können Blogs eine Rolle spielen – und vielleicht nicht ohne Zufall ist z.B. die Liste der Verfassungssherpas nicht in den Zeitungen sondern auf diesem Blog zum ersten mal (europaweit) öffentlich gemacht worden.

Mit den anstehenden Europa- und Bundestagswahlen im Sommer 2009 erwarte ich aber eine Intensivierung der Debatte und technologischen Mittel. Die Grünen werden dazu wohl sicherlich im Herbst noch den Anfang machen.

Wahlbörsen genauso gut wie Umfragen (Hamburg)

HH Wahl 2008 LogoIch hab mir mal die Mühe gemacht, die Werte aus dem Wahlumfragen im Vorfeld der Hamburger Bürgerschaftswahlen mit denen von zwei (online) Wahlbörsen zu vergleichen. Dabei gibt es aus meiner Sicht zwei wesentliche Ergebnise:

1. Die Wahlbörsen können genauso gut (oder schlecht) wie Umfragen das Wahlergebnis hervorsagen und

2. Die Nähe zum Wahltag hat nicht unbedingt einen größeren Einfluss auf das Ergebnis als die Umfragemethode (bzw. das Umfrageinstitut)

Meine Methodik

Über www.wahlrecht.de/umfragen habe ich die aktuellsten Umfrageergbnisse von vier Quellen (Sat1 (GMS), RTL (election.de), Abendblatt (Psephos), NDR (infratest dimap)) mit denen der zwei Wahlbörsen der Financial Times Deutschland (“FTD-Strategenbörse”) und Frankfurter Rundschau verglichen. Dann habe ich die jeweiligen Abweichungen der einzelnen Parteien addiert. So zeigt die FTD-Strategenbörse eine deutlich bessere Nähe zum Wahlergebnis als die FR. Die gesamte Abweichung der einzelnen Parteien summiert sich bei der FTD auf ca. 5,3%. Den besten Wert unter den konventionellen Umfragen weist Psephos/Hamburger Abendblatt auf (2,6%). RTL/election.de ist ähnlich genau wie die FTD während die anderen beiden Umfragen sowie die FR bei Abweichungen von 8-9,5% liegen.

Auch die Nähe zum Wahltag scheint keinen entscheidenden Einfluss zu haben. So schließen die Wahlbörsen in der Regel unmittelbar vor dem Wahltag, können also auch letzte Trends einpreisen. Auf der anderen Seite sind die Veröffentlichungen von Umfragen in Deutschland nur bis ca. 3-5 Tage vor Wahlen üblich. Sat1/GMS hatte die letzte Umfrage durchgeführt aber auch mit 8% eine der höchsten Abweichungen. Auf der anderen Seite hat der “Umfragesieger” vom Abendblatt seine Umfrage 10 Tage vorher durchgeführt. Die Erklärung für die beste Prognose ist somit eher in der Methodologie der durchführenden Institute zu suchen als in der unmittelbaren Nähe zum Wahltag. Dies ist interessant, weil natürlich die Methoden abweichen aber ein ganz klarer Trend in Europa und Deutschland auszumachen ist, nach dem sich die Wähler immer näher zum Wahltag (und mittlerweile oft erst in den letzten drei Tagen) festlegen. Continue reading