Den “Dr.” aus Singapur (nicht) im Ausweis tragen

Wer mit einer Promotion der Top-Universitäten im asiatisch-pazifischen Raum nach Deutschland zieht, kann sich schnell als Wissenschaftler zweiter Klasse fühlen: der Dr.-Titel darf nicht in den Ausweis oder auf die Visitenkarte. Anders als bei PhDs/Promotionen in den USA, Kanada, Israel, Australien oder allen EU-/EWR-Staaten wird der PhD beispielsweise aus Hongkong oder Singapur von den Bundesländern de facto nicht als gleichwertig angesehen. So kann er auch nicht “nostrifiziert” (d.h. im Perso geführt) werden.

Die Gleichwertigkeit ist hierbei keine Frage der individuellen Anerkennung sondern wird per KMK-Allgemeinverfügung nach Herkunftsland der Universität vorgegeben. So kann man als betroffeneR DeutscheR oder ausländischeR WissenschaftlerIn auch keine Anträge dafür stellen – egal wie gut/bekannt oder hochwertig das Promotionsprogramm oder die Uni ist (mehr zu den Regeln im separaten Beitrag). Eine formale Diskriminierung liegt nach Aussagen verantwortlicher Stellen allerdings nicht vor, weil die ausländischen PhDs allen Einheimischen beim Zugang zu akademischen Positionen nicht nachrangig sind. Die “Diskriminierung” betreffe allein das Führen in Dokumenten und das verhindere ja nicht, dass man einen Job nicht bekommen kann.

Natürlich lässt sich lange darüber diskutieren, ob der ganze Zirkus um das Tragen von akademischen Titeln in Deutschland (Österreich und der Schweiz) nicht etwas übertrieben ist (und einen Antrag zum Ende dieser Obesession gab es bereite 2011 im Bundestag – ohne Erfolg). Aber wenn wir in Deutschland schon auf die Dr.-Titel stehen, sollten wir zumindest nicht so arrogant sein, gegenüber Top-Forschungsstandorten wie Hongkong, Singapur, Südkorea oder Neuseeland so zu tun, als wenn diese nicht gleichwertig zu den deutschen bzw. europäischen sind.

Wie ließe sich eine Gleichwertigkeit herstellen?

Formal legen die Länder fest, welche Regeln bei ihnen zur Nostrifizierung gelten. In der Praxis macht es aber wenig Sinn, wenn das Land Berlin entscheidet, dass man dort den Singapur-PhD im Ausweis akzeptiert, während Bayern das nicht gut. Wer dann in München mit einem Dr. im Namen auftritt, kann sich somit angreifbar machen. (Andi Scheuer kann davon ein Lied singen.) Darum beraten sich die Länder in diesen Fragen in der Kultusministerkonferenz (KMK) und halten sich i.d.R. an gemeinsame Leitlinien. Wie ich höre, gab es bisher leider wenig Bereitschaft das Fass aufzumachen, weil man eh schon nicht so glücklich über das System ist. Aber wie immer ist auch dies Politik, und PolitikerInnen reagieren am besten auf Druck von Außen.

Folgende Erklärung der KMK müssten geändert werden, um Gleichwertigkeit herzustellen:

“Vereinbarung der Länder in der Bundesrepublik Deutschland über begünstigende Regelungen gemäß Ziffer 4 der „Grundsätze für die Regelung
der Führung ausländischer Hochschulgrade im Sinne einer gesetzlichen Allgemeingenehmigung durch einheitliche gesetzliche Bestimmungen vom 14.04.2000“ (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 21.09.2001 i. d. F. vom 26.06.2015)

Die in Punkt 4 genannte Liste umfasst neben den europäischen Unis Ausnahmen für Hochschulen in Australien, Israel, Japan, Kanada und USA. Da wahrscheinlich auch die zahlreichen britischen Promovenden nach dem Brexit (und der Übergangsphase ab 2021) betroffen sind, liegt möglicherweise sowieso eine Anpassung an. Es bietet sich also an, jetzt mit der KMK und den WissenschaftsministerInnen der Länder ins Gespräch zu kommen, um die Liste zu erweitern.

Bei einer Erweiterung der Liste drängen sich die globalen Top-Standorte Hongkong und Singapur auf. Gleichzeitig ist es schwer zu argumentieren, warum nicht auch die Hochschullandschaften von Südkorea, Neuseeland oder Macao und Taiwan den europäischen Hochschulen gleichwertig sind. Ebenso gibt es weltweit Top-Universitäten, über deren individuelle Gleichwertigkeit in einem zweiten Schritt ebenso nachgedacht werden sollte.

Damit Deutschland als Wirtschafts-, Forschungs- und Wissenschaftsstandort attraktiv bleibt, müssen wir Absolventen der globalen Top-Unis mit dem nötigen Respekt begegnen. Wenn Promovierte – egal ob Deutsche oder Ausländische – einer asiatischen Top-Uni in Deutschland aber das Gefühl haben, dass ihr Alma Mater nicht den europäischen oder australischen als gleichwertig angesehen wird, werden sie sich schnell fragen, ob sie in einem Land leben wollen, dass die neuen globalen Realitäten noch nicht verstanden hat. Schade wärs.

NB: Natürlich schreibe ich diesen Beitrag auch als Betroffener. Wer Lust hat, gemeinsam etwas Lobbying in der Sache zu unternehmen, melde sich bitte gern über das Kontaktformular.

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